Liebe Brigitte herzlichen Dank dafür, dass ich deine wunderschöne Weihnachtsgeschichte hier veröffentlichen darf.

Die Heilige Zeit

Es war Vollmond. Auffällig hell brach sein silbriges Licht in dieser Nacht durch die matten Scheiben. Die Patina der ergrauten Holzwände schien rissig unter dem schimmernden Mond. Wie ein lockendes Knusperhaus wirkte die alte Hütte, halb baufällig und ganz verborgen im tiefen Tannenwald. Nur der weiße Rauch aus dem Schornstein ließ darauf schließen, dass drinnen noch Leben sein musste. Die morschen Klappläden neben der Tür versuchten vergeblich die unerbittliche Kälte draußen in Schach zu halten.

Ein Mann mit einem langen Bart schürte das karge Feuer und versuchte mit den letzten dürren Scheiten noch ein wenig Wärme in die Stube zu zaubern. Die trockenen Tannennadeln prasselten im Kamin. Die Flammen fassten sich ein Herz und begannen aus Leibeskräften zu tanzen. Aus der Glut schoss urplötzlich eine Lohe wie aus dem Krater eines Vulkans, sprühte einen Funkenregen und fiel zischend wieder in den Aschekasten zurück. Für einen Moment war das Zimmer in warmes Licht getaucht. Ein weißer Strahl fiel direkt auf die zart rosa Bäckchen des kleinen Knaben, den seine Mutter im Takt ihres Herzschlags behutsam auf dem Schoß hin und her wiegte. Er war erst ein paar Stunden alt. Doch leuchteten seine Augen so hell wie die Sterne am klaren Nachthimmel.

„ Joshua", sagte die Frau , "wir werden ihn Joshua nennen". Die Augen des Kindes leuchteten in einem noch helleren Kristallblau , das mit der Reinheit eines Bergsees zum Tauchen in tiefste Tiefen und weiteste Weiten des Universums einlud.

Der Bärtige gab sich alle Mühe mit dem Feuer, um Weib und Kind vor  der klirrenden Kälte zu schützen. Da pochte es unerwartet in einem dumpfen Ton an der aus rohen Bohlen grob zusammen gezimmerten Holztür. Im Raum war Stille. Nur das Knistern des Feuers und der leise Atem des Kindes waren zu hören. Der Mann blickte fragend zur Frau . Sie nickte. Dann erhob er sich langsam, stieß einen kleinen Seufzer in die rauchige Luft und schlich zur Tür. Die Dielen quietschten und ächzten unter den schweren Schritten. Er öffnete einen Spalt. Die Tür sprang knarrend auf und eine Brise Pulverschnee wehte in die Stube. Er fröstelte.

Vor ihm stand ein altes Weib von der Last der Jahre gebeugt, die Kleider zerschlissen. Mit heiserem Atem keuchte sie: "Die Zeit ist gekommen". Der Mann schien sie zu kennen von früher -  von morgen aus einer langen, langen Zeit. Das zottige graue Haar quoll in Büscheln unter dem groben Wolltuch hervor, das sie sich um Kopf und Schultern gewickelt hatte. Ihre Stimme klang rau und dennoch fein als hätte sie zu allen Zeiten Wahrheit verkündet. Der Bärtige bat sie herein und wies ihr seinen Schemel am Feuer. Sie wehrte ab und wiederholte ihre Worte langsam, während sie sich auf einen Stock stützte.

Als sie den Knaben erblickte, schien sie wie durch ein Wunder verjüngt. Für einen Moment hätte man meinen können, die Anmut einer edlen Königin in ihrem Antlitz zu erahnen. Sie murmelte ein paar unverständliche Worte und zog dabei das dicke Wolltuch von den Schultern, bedeckte damit den Knaben und räusperte sich: "Ich brauche es nicht mehr, aber dir soll es dienen". Mit dem Spruch begann das Tuch in einem seltsam goldenen Schein zu leuchten und hüllte das Kind in einen Mantel aus unberührter Grazie. Die Mutter war aufs Tiefste von Freude und Dankbarkeit ergriffen und spürte das Wunder dieser Segnung in ihrem Herzen. Sogar dem Mann rann eine Träne über das von der rauen Natur gezeichnete Gesicht, die er beschämt mit dem Ärmel seiner abgewetzten Jacke abwischte. Selbst das Feuer lauschte und hörte für einen Moment auf zu knistern, als wäre es der Heiligen Schau nicht würdig.

Nun trat die Alte etwas lauter mit den harten Sohlen auf den Holzboden. Das Kind erschrak. Doch dann lächelte es wieder, als wenn es Bescheid wüsste. "Zeit ist `s", bekräftigte die Alte nochmals. In ihrer Stimme vibrierte jetzt ein fester Unterton, der keinen Aufschub duldete. Einen Fuß langsam nachziehend schlurfte sie altersschwach im Kreis. Ticktack, ticktack hallten die hohlen Bretter monoton zurück. Mit jedem Tritt verblassten ihre Umrisse etwas mehr, so als wenn es jetzt dem Ende zuginge.

Die Greisin legte die knorrigen Finger auf die abgegriffene Klinke, drückte sie mit letzter Kraft herunter, bis die alte Pforte schließlich den Widerstand aufgab und schnarrend aufsprang. Der Frost schien noch ärger und warf unverhofft seinen gefrorenen Atem in die Stube. Der Bärtige sprang mit voller Größe schützend vor sein Kind und die Wöchnerin. Sofort zerbrach der Frost in tausend schillernde Kristalle, die nebelfeucht unter der Hitze des  Feuers schmolzen. Das Kindlein leckte sie mit der kleinen rosa Zunge auf und labte sich an der Vielfalt der frischen Gaben.

Fast unbemerkt hatte die Alte unterdessen die Hütte verlassen und drückte ihre blassen Spuren in den feinen weißen Schnee. Das Licht der funkelnden Sterne reflektierte rubinfarben in den kleinsten Eiskristallen, die der Himmel auf die winterliche Erde geschickt hatte. Sie schienen auf geheime Weise miteinander zu kommunizieren. Geschwister sind sie, dachte der Mann, der das mystische Geschehen durch den Türspalt mit ansah und fühlte sich auf einmal seltsam mit allem verbunden. Er war eins mit dem Licht, den Sternen, dem Frost, der Zeit. Und auch im Knaben sah er die eigenen Augen wie Kristalle leuchten. Eine Sternschnuppe fiel plötzlich aus dem Firmament, zog einen langen grellen Schweif aus purem weißem Licht hinter sich her und verglomm als er die Erde berührte.

Ein Lächeln flog über das staunende Gesicht des Mannes. Angestrengt rang er um Fassung, damit sein müdes Herz nicht vor Freude zersprang. Dann trat er ehrfürchtig vor die Tür und folgte ein paar Sc hritte den Spuren der Alten, die abrupt im dichten Geäst des Tannenwaldes endeten. Hier war sie wohl einen Moment lang stehengeblieben. Er hielt inne, der Atem stockte als wollte auch er den winzigen Moment zwischen den Zeiten ehren. Vergangenheit und Zukunft gaben sich friedlich die Hand. Alles was zählte war das ewige Jetzt.

Die Zeit war um. Die Alte hatte ihre Pflicht erfüllt und ihr wohl verdientes Ende gefunden. Die Neue tänzelte noch schüchtern von einem Fuß auf den anderen. Sie war die junge Königin, die aus der Alten geboren, eine neue Ära einläuten würde. Eine wunderschöne, lichtvolle Gestalt schwebte zur Tür herein. Ätherisch hauchte sie mit ihren kühlen Lippen einen zarten Kuss auf die Stirn des Kindes. Es strahlte und strampelte vor Glückseligkeit in den Armen seiner Mutter, die es fest an die warme Brust drückte. Es schien zu wissen, dass jetzt Frieden kommen würde und die Menschen ihre Herzen weiter dafür öffnen konnten, als in der alten Zeit.

In der Zwischenzeit, der Zeit zwischen den Jahren hatte der Atem Gottes gewirkt. In diesem Nullpunkt hatte Joshua das Licht der Welt erblickt. Er war der Atem Gottes, der allem Sein mit seiner gnadenreichen Liebe ein neues Leben einhauchen würde. Die Zeit begann golden zu leuchten. Der neue Morgen dämmerte in der klaren Winterluft. Sphärenklänge und Glöckchen tönten aus der Ferne und stimmten mit der ganzen Welt in den Göttlichen Schöpfungsgesang mit ein.

Sing auch du dein einzigartiges Schöpfungslied, das mit dem Chor der Engel im ganzen Universum überirdisch widerhallt. Denn du bist der Komet, der mit seiner Gabe Himmel und Erde verbindet.

Eine Weihnachtsgeschichte von Brigitte Fortströer, 28.12.2022